Achtsamkeit, Achtsamkeitspraxis und Gewahrsein

Was überhaupt wird hier unter Achtsamkeit verstanden? Und was vermag Achtsamkeit zu leisten?

Achtsamkeit gibt nichts vor. Sie sagt nicht, was richtig ist oder falsch, gut oder schlecht. Sie macht nicht, dass wir fliegen können oder glücklich sind. Ebensowenig macht sie, dass wir entspannt sind oder unsere Burnout-Symptomatik wegmeditieren. Sie trifft keinerlei Aussage, weder ethisch, noch politisch. Sie macht gar nichts. Und dennoch ist sie als einer der vom Buddha beschriebenen 7 Erwachensfaktoren von immenser Bedeutung. Auch ist sie von immenser Bedeutung für die Überwindung jedweden Leidenszustandes, den wir selbst hervorbringen. Dies geschieht durch das Gewahrsein über die Art der Betrachtung der Entstehensbedingungen dieses Leidenszustandes. Dies wiederum vollbringt die Achtsamkeit jedoch nicht aufgrund der ihr innewohnenden Eigenschaften. Inwieweit, bzw. wann ist sie dann also überhaupt hilfreich oder bedeutsam? 

Um mit dem bekannten Achtsamkeits- und Dharmalehrer Christopher Titmuss zu sprechen: "Wir sind immer achtsam. Nur: wie und worauf achten wir?"

Während Achtsamkeitslehrer, wie Jon Kabat Zinn Achtsamkeit definieren als "eine bestimmte Art, wach im Hier-und-Jetzt zu sein, ohne zu bewerten", heben andere gern auch hervor, dass es so etwas bedeutet, wie: "bemerken, was ist, und erinnern, was heilsam (oder hilfreich) ist" (z.B. Silvia Wetzel). Hier wird also auch ein gerichteter Zweck der Achtsamkeitspraxis benannt: sie kann uns helfen, uns darauf zu besinnen, was hilfreich für uns ist.

Achtsamkeitspraxis hilft uns, die Freiheit zu wählen

Sie tut dies, indem sie uns ermöglicht, "out of the box" auf unsere gegenwärtige Erfahrung zu schauen, ohne von der Macht alter Automatismen befangen zu sein, die wir nun auf einmal als solche erkennen können, sofern wir bereit hierzu und hieran interessiert sind. Wir können dann mit einem frischen Blick auf das schauen, was wir gerade denken oder fühlen, auf unsere Urteile, Projektionen, Befürchtungen und Erwartungen und auf unser Handeln. Achtsamkeitpraxis ermöglicht uns, neu zu wählen, wie wir auf etwas schauen oder ob und wie wir handeln wollen. Sie ermöglicht uns, an unsere bisherigen Erkenntnisprozesse anzuknüpfen, letztlich in die Eigenverantwortlichkeit für unser Erleben zu kommen, unser Leben "in die Hand zu nehmen" und die Freiheit darin zu erkennen. 

Sie gibt diese Erkenntnisprozesse jedoch nicht vor. Sie ist Teil des Dharma, des Bootes, das uns über den Fluss bringen kann. Sie ist jedoch nicht der Dharma. Sie hilft uns dabei, uns zu befreien aus unseren geistigen Gefängnissen, jedoch nur, wenn wir das wollen. Meist wollen wir jedoch etwas anderes. Wir können also auch achtsam an der Wahrheit "vorbeimeditieren", indem wir z.B. gar nicht "auf dem Schirm haben", woran wir gerade festhalten oder was wir gerade durch unsere Achtsamkeitspraxis vermeiden und nicht sehen können.

Eine der grundlegenden Feststellungen, die wir früher oder später treffen, wenn wir uns dennoch auf einen solchen Weg begeben haben, ist, dass wir nicht wirklich etwas außerhalb von uns selbst finden können, das uns glücklich und frei machen könnte und uns Leichtigkeit und Frieden finden ließe. Wir werden mit der Tatsache konfrontiert, dass wir - entgegen all unseren Bestrebungen, unser Glück und unsere Erfüllung in der Erreichung ideeller, persönlicher, interpersoneller oder materieller Ziele zu finden - wir bereits alles hierzu notwendige "haben" bzw. "sind". Keine bestandene Prüfung, kein Zertifikat, keine Anerkennung und keine Versprechung eines Geliebt-Seins von wem auch immer führt uns dorthin. Vielleicht deshalb, weil bereits die Annahme, da sei ein Mangel, welcher erst einmal behoben sein müsse, um dann erst Glück und Fülle erfahren zu können, lediglich eine Vorstellung war, die wir für eine Gewissheit hielten, weil wir daran glaubten. Dass auch die Annahme, wir müssten - oder könnten - uns Glück und Zufriedenheit erarbeiten oder unseren Platz im Leben verdienen oder erkämpfen, lediglich ein Glaube war, nicht mehr. 

Wir erfahren dies, wenn wir dem Geist ermöglichen, Ruhe zu finden, indem wir aufhören, um die Aufrechterhaltung und Kontrolle unserer vermeintlichen Gewissheiten zu ringen. Die Sicht auf das, was tatsächlich jenseits unserer als "wahr-genommenen" Annahmen über die Wirklichkeit ist, wird klarer, wenn wir unsere aufwühlenden geistigen Aktivitäten, die den Selbstkonzepten des Ego folgen, ruhen lassen. Wir erfahren dann das Gewahrsein selbst. Es ist ein wenig so, als setze man sich ans Ufer eines flachen trüben Teiches, durch den man gerade noch gewatet ist und sieht dabei zu, wie die vom Boden des Teiches aufgewühlten Schwebstoffe sich langsam wieder zu Boden setzen, das Wasser immer klarer wird und wir schließlich auf den Grund schauen können und die Fische sehen. 

Auch wenn wir dies grundsätzlich jederzeit erfahren können, und dies manchmal in bestimmten Momenten aufgrund der Konstellation bestimmter Bedingungen auch mitunter tun, können wir dies mithilfe einer gewissen Geistesschulung mehr werden lassen und so eine neue Basis im Gewahrsein finden.

Achtsamkeit ist immer gerichtet auf Objekte der Achtsamkeit. Sie kann auf das Gewahrsein weisen, welches die Achtsamkeit beinhaltet. Wir können uns also auch darüber gewahr sein, ob Achtsamkeit gerade geschieht. Das Gewahrsein ist die Quelle der Achtsamkeit.

Übungen, die der Sammlung des Geistes dienen (meditative Konzentration, bzw. samadhi), beruhen oft auf der Ausrichtung der Aufmerksamkeit auf ein Objekt, wofür sich der Körper im Falle des Bodyscans oder der Atem im Falle der Atemmeditation besonders anbieten. Ein Grundprinzip hierbei ist, die Aufmerksamkeit absichtsvoll auf recht einfache Phänomene zu richten, und diese, anstatt der bisherigen Geistesaktivitäten, mit denen wir im Sinne des "Autopiloten" bis gerade eben noch identifiziert waren, als "wichtig" anzusehen. Wir gelangen auf diese Weise in die Lage, diese Geistesaktivitäten mehr und mehr auf andere Weise (z.B. "von außen") zu betrachten und auf eine weitaus friedvollere und undramatischere Art damit zu sein. Wir können diesen Prozess unterstützen, indem wir den Geist dahingehend nähren, wie z.B. durch diese Betrachtung

Für manche wird aus der ursprünglichen Absicht, eine ehemals leidvolle Lebenssituation mithilfe von Achtsamkeit zu überwinden, ein spiritueller Weg. So kann auch die Atemmeditation z.B. im Sinne von Jhana-Praxis (Jhanas = Stadien meditativer Versenkung) oder Anapanasati-Meditation mit einer tieferen spirituellen Praxis einhergehen.

In den folgenden Kapiteln findest du sowohl konkrete Anleitungen für deine Praxis, als auch vertiefende Gedanken zu den zentralen Aspekten von Achtsamkeit, Achtsamkeitspraxis und Gewahrsein: 

Achtsamkeit Duisburg 

Akzeptanz  die Bedeutung der Akzeptanz

Anhaften  das Phänomen des Anhaftens

Achtsamkeitspraxis  Gedanken zur Achtsamkeitspraxis

Konzentration  Achtsamkeitpraxis und Konzentration

Bodyscan  Body-Scan

liebende Güte  Metta-Meditation

offenes Gewahrsein  Achtsamkeitsmeditation

Sinnesübungen  Sinnesbezogene Übungen

Deep Rest  Deep Rest

Tandava  Tandava

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