# **Sinnesbezogene Übungen**

Es ist nicht einfach, sinnliche Erfahrungen wirklich wahrzunehmen. Sehr schnell werden die wahrgenommenen Phänomene begrifflich gefasst: „Das ist ein Hund“, oder sie werden bewertet: „Das ist ein unangenehmes Quietschen“, oder sie werden sofort mit sich selbst in Verbindung gebracht: „Ich habe Schmerzen im linken Knie“. Dieses schnelle Erfassen und Einordnen ist im Alltagsleben durchaus sinnvoll. Es ermöglicht eine schnelle Orientierung und Reaktion mit recht geringem Aufwand. Der Preis für diese Schnelligkeit ist aber, dass wir unsere Interpretation für die Wirklichkeit halten und uns deshalb nicht mehr die Mühe machen, wirklich hinzuschauen oder hinzuhören. Folgende langsame sinnesbezogene Übungen können dabei helfen, etwas von der ursprünglichen Qualität der Wahrnehmung – bevor wir alles einordnen konnten – zu entdecken und zu erkennen.

## *Sehübung:*

Der Blick sollte bei dieser Übung offen und entspannt sein. Versuche, zwischen einem fokussierenden Nahblick und einem offenen Fernblick zu pendeln. Achte auf Farben und Muster, auf Formen und Bewegungen. Lass dir Zeit, um eine etwas andere Art des Sehens auszuprobieren.

## *Hörübung:*

Bewusst wahrnehmen, wie ein Klang ankommt, wie er abebbt und wie weitere Töne, Hintergrundgeräusche oder Beiklänge auftreten und sich mit dem ersten Klang mischen.
Auch hier ist darauf zu achten, dass keine Einordnung („Das ist der E-Motor eines Renaul Zoe“) erfolgt, sondern vielmehr die Offenheit für das Gehörte aufrechterhalten bleibt.

## *Einfache Yoga- oder QiGong-Übungen:*

Den Körper in Anspannung und Entspannung spüren und die eigenen Impulse wahrnehmen (z.B. Langeweile, Ehrgeiz, Tendenz zur Überforderung). Wahrnehmen, ob ein gutes und stimmiges Körpererleben empfunden wird oder ob es Hindernisse gibt. Diese gegebenenfalls betrachten und beschreiben.

## *Meditatives Gehen:*

Langsam und bewusst einen Schritt vor den anderen setzen. Bewusst den Boden, die wechselnde Untergrundbeschaffenheit, die wechselnden Farben und Außeneinflüsse wie Gerüche, Temperatur, Wind usw. wahrnehmen. Zugleich aber auch auf die innere Kohärenz, die Aufrichtung, die „Versammeltheit“, den Atem und eine „würdevolle“, präsente Haltung achten.

## *Tastsinn:*

Materialien wie Holz, Steine oder Stoffe bewusst mit dem Tastsinn erforschen. Dabei auch andere Sinne wie Hören, Riechen, Sehen, Schmecken etc. nutzen. Dem Wahrgenommenen Worte geben, vermitteln, wie etwas erlebt wurde. Vielleicht taucht ein Bedürfnis auf, mit den Materialien zu spielen und verschiedene Erfahrungen z.B. von Rauheit, Weichheit, Biegsamkeit etc. zu spüren.

## *Riechen:*

Bewusst darauf achten, was wie riecht, ob man überhaupt etwas riecht (hängt oft vom Anspannungsgrad ab). Beim Spazierengehen, Kochen, Waschen auf Gerüche achten.

Sinnesbezogene Übungen laden uns dazu ein, uns immer wieder Zeit lassen, um herauszufinden, in welchem inneren Modus wir gerade sind: Kannst du dich auf die Sinneswahrnehmungen einlassen oder bist du kritisch, urteilend und distanziert? Der innere Seinsmodus bestimmt maßgeblich, wie die Welt erlebt wird und ob man selbst ein Teil davon ist, oder sich als fremd und nicht zugehörig fühlt.

Da das rationalisierende, kategorisierende und bewertende Beobachten – jenseits von geistiger Arbeit und sinnvoller Reflektionstätigkeit – ein oft dominierender Modus ist, ist es mitunter nötig, daraus bewusst herauszutreten. Hilfreich ist dabei z.B. die Wahrnehmung des Körperempfindens, um zu überprüfen, wie die Grundanspannung ist. Selbst wenn die aktuellen Umstände nicht immer optimal sind, so bleibt die Reaktion darauf eine persönliche Entscheidung. Die Veränderung des Körpererlebens und des psychischen Erlebens ist somit ein Freiheitsgrad, der stets verfügbar ist.

All unsere Sinneserfahrungen sind begleitet von Gefühls-Tönungen (den *Vedanas* in der Sprache Buddhas), die wiederum den Geist dazu veranlassen, daran anzuknüpfen und geistige Formationen entstehen zu lassen. Wir können lernen, dies deutlicher zu erfahren, wenn wir die Sinneseindrücke klarer erfahren.
