Was ist eine Verletzung?Verletzung und inneres Kind

In Paarkonflikten fühlen wir uns oft einsam, unverstanden und verletzlich. Es kommt uns dann so vor, als bräuchten wir da 
etwas im Außen, ein liebendes Wesen, welches uns in der Tiefe versteht, uns tröstet und hält und unsere erlebte Verletzung heilt. Wir fühlen uns dann unverbunden, vielleicht verloren in der Welt und unvollständig.

Es gehört scheinbar zu unserem Sein in der Welt, daß wir uns verlieren und irgendwann wiederfinden. Uns selbst haben wir bereits mitgebracht. Wir sind bereits da und müssen nicht erst entstehen. Und es kommt uns nur so vor, als würde uns unser Platz im Leben zugewiesen von der Familie und Welt mit all ihren Regeln und geglaubten Gewissheiten, in die wir uns hineinsozialisieren.

Niemand kann Liebe in uns hineintun, weder unsere Eltern, noch unser Partner oder unsere Partnerin. Er oder sie mag uns vielleicht daran erinnern, daß die Liebe bereits da und das Leben in uns ist und wir vollständig sind, wenn wir offen dafür sind, dies zu realisieren. 

Der Mangel an Liebe, den wir in Beziehungskonflikten erleben, ist also eine Illusion, die der kindlichen Froschperspektive (ein hier von Stefanie Stahl entliehener Begriff) geschuldet ist. Ein altes Bild von Beschädigt-Sein, die Identifikation mit einem in Not geratenen kindlichen Selbst, das soeben eine schwerwiegende Verletzung seiner Grundbedürfnisse erfahren hat, wird in der Interaktion mit einem nahestehenden Menschen (dem Partner) in unserem Erleben aktiviert. Mit einiger Erfahrung und Wachheit erkennen wir vielleicht, dass der Partner oder die Partnerin nur einen Knopf gedrückt hat.
Wenn wir nun dieses Innere Kind, das gewissermaßen die Resonanz emotionaler Nachhallerinnerungen in unserem Organismus ist, "nachbeeltern" (wie man es z.b. in Schematherapie oder Tansaktionsanalyse tut), dann schöpfen wir die "Heilung" letztlich aus uns selbst, aus dem "gesunden Erwachsenen-Ich".
Und es findet am Ende nur die Aufhebung eines Irrtums statt, der in der Annahme bestand, da sei ein Schaden.

Ein anderer Blick auf unsere Verletzung

Wir besinnen uns einfach auf einen anderen Blick auf unsere Verletzung, es wird nichts "psychochirurgisch geschraubt" und es werden auch nicht irgendwelche Ersatzteile ausgetauscht. Und auch wenn die Neuropsychotherapie gern die Bedeutung von Neuroplastizität und der Modifikation von Problemnetzwerken für den Heilungsprozess betont: Sie meint damit die Bedeutung der neurophysiologischen Auswirkungen, die das Identifiziert-Sein mit unserer Geschichte und deren Bedeutung für uns auf unseren Erlebnisapparat hat, der letztlich nur in Resonanz geht mit unseren Geschichten von Trauma und Verletztheit.

Nicht rein zufällig wird in der Psychotherapie und der Psychoanalyse die Desidentifikation mit dem leidvollen Muster als zentraler heilender Faktor hervorgehoben.
Das Bild des Beschädigt-Seins oder Opfer einer Bedürfnisverletzung zu sein tragen wir mit uns, solange wir es nicht als eine Geschichte betrachten, die wir nicht länger befeuern. Wenn wir diese Geschichte nicht mehr befeuern, ist dieses Bild nicht etwa verschwunden, es hat nur nicht länger Bedeutung für uns, sofern wir unser Glücklichsein nicht gerade daran knüpfen, Opfer und Täter sehen zu wollen. Oder einem religiösen Glauben anhaften, der auf dem Konzept "Schuld" beruht und auf eine Erlösung im Jenseits abzielt. Auch verliert sich der neurophysiologische Impact unserer alten Geschichte von Verletzung auf unseren Organismus, weil ihr Charakter des Bedrohlichen verblasst und der Organismus öfter mit erfreulicheren Seinszuständen resoniert.

Wir können dann auf diese Geschichte zurückschauen: Auf das Drehbuch unserer Beziehungsgeschichte, unser Lebensscript, an dem wir festgehalten hatten in der Erwartung, "dort" oder dahinter irgendetwas sehr kostbares zu finden. Wir finden es gewissermaßen "dahinter", hinter all dem Schleier von Projektion und Illusion. Und wir brauchen nichts dafür zu tun. Wir können uns fragen: "Wer bin ich ohne dieses Thema? Was bleibt, wenn ich nicht mehr daran festhalte?" Und uns mehr genau dafür interessieren.

In Bezug auf die Geschichte unserer Verletzung sind wir Drehbuchautor, Regisseurin, Kamerafrau, Produzent, Protagonist und Publikum in einem.
Der Buddha hat es -vereinfacht- so gesagt: "Das Leben ist ein Traum, und ich bin der Träumer". Wir können aufwachen aus diesem Traum, dies nennen die Buddhisten "Erwachen".

Im Kurs in Wundern heißt es: "Reiner Geist bin ich. Ein heiliger Sohn Gottes. Sicher, geheilt und ganz. Frei von allen Grenzen. Frei zu vergeben und die Welt zu erlösen."

Im Shivaismus heißt es, Shiva hat die Welt (die Shakti) aus sich selbst heraus erschaffen, um sich darin zu verlieren. Aus reiner Freude daran, sich wiederzufinden.

Wie willst Du es sehen?

Dirk Schirok