Wahre menschliche Präsenz
Wir könnten uns vorstellen, dass die Bewegung des "Rads des Lebens" uns schnell durch die Fliehkräfte an den äußersten Rand der wahnhaften Identifikation mit den Mindsets der jeweiligen Daseinsbereiche katapultieren kann. Wie schon erwähnt, wird dieses Rad in der buddhistischen Psychologie durch die Radnabe der "3 Bewusstseinsgifte" angetrieben, und da mag eine solche Betrachtung naheliegen. Wer würde da schon gern in die Mitte streben?
Aus tantrischer Sicht besteht die Radnabe in dem, was hier als "wahre menschliche Präsenz" bezeichnet wird, und dies ist nicht weniger, als ein Synonym für so vieles: für "Wesensnatur", "die Göttin", "der formlose Grund", "Kālī", mitunter auch einfach nur für "der Zentralkanal" oder "das schwarze Loch" bzw "der Lotus" in der Mitte deines Herzens. Es ist hier also umgekehrt: die Radnabe hat eine Anziehungskraft, Gravitation. So wie das schwarze Loch in der Mitte unserer Galaxie, die letztlich nur seine Akkretionsscheibe ist, die spiralförmig nach und nach in die Mitte gesogen wird, um dann an den beiden Polen in Form von Jets aus Energie in die Unendlichkeit projiziert zu werden.
All dies sind nur Konzepte. Es ist am Ende nichts als der Ausdruck der schlichten Wahrnehmung, daß dieses "Ich", das sich auf die ein oder andere Weise mehr oder weniger tief in die Daseinsbereiche verstrickt, nicht als das existiert, was es zu sein vorgibt. Es ist der Traum, den ein Avatar für individuelles Bewusstsein träumt, bevor die Wirklichkeit ihn sich rückstandslos wieder einverleibt, nicht mehr.
Die Antwort auf die Frage "Wer bin ich?" lautet " ". Zumindest, wenn wir die Antwort nicht unseren Konzepten anpassen. Prüfe es für dich. Da ist nichts, außer alles. Niemand, ausser der strahlenden Leere, außer dem universellen Selbst, dem formlosen Grund. Nichts von unseren Geschichten über das, was wir sind, hat irgendeine Bedeutung an sich. Alles ist genau das, was es ist. Es ist perfekt! Und Geschichten darüber sind perfekte Geschichten. Es gibt keinen "großen Plan", den irgendein Schöpfergott sich ausgedacht hat. Auch das ist nur eine Geschichte. Dieses unendliche und ständig im Wandel begriffene "Alles" ist der Plan!
Es gibt keine yogische oder sonstwie spirituelle Praxis, mit der wir unserem Menschsein entrinnen könnten. Und warum auch? Unser Menschsein ist ein perfektes Vehikel für all die Erfahrungen, die das Bewusstsein so sehr liebt! Nichts davon ist "verkehrt". Und natürlich verstricken wir uns in all die Themen, die in den sechs Daseinsbereichen so umfangreich skizziert sind (ohne übrigens jeden Anspruch auf Vollständigkeit). Und wir können tatsächlich wahrnehmen, dass wir weitaus mehr sind, als wir jemals glaubten zu sein und dass es nur die "Person", die da freud- oder leidvolle Erfahrungen in den Daseinsbereichen macht, als solche nicht gibt!
Wir können all unsere Erfahrungen mit so viel mehr Leichtigkeit erleben, wenn wir verstehen, dass wir nur Akteure in einem großartigen Schauspiel sind, in dem es nicht wirklich etwas zu erreichen oder zu vermeiden gilt, was unser Glück gewährleisten könnte. Und dass, im Sinne von Khecarī-Mudrā, "frei im Himmel der Bewusstheit wandern" natürlich auch bedeutet, die Daseinsbereiche frei durchwandern zu können, ohne ihnen anhaften zu müssen. Und dennoch scheint es, als müssten wir manchmal doch noch ein paar "Ehrenrunden" drehen, z.B. wieder einmal um Anerkennung konkurrieren, uns als vom Leben gebeutelt oder als überlegen ansehen, immer noch nicht den richtigen Partner gefunden haben, selbstgefällig wissen, wie der Hase läuft, oder Bier trinken, Netflix gucken und dabei masturbieren, um zu verstehen, dass es auf diese Weise keine Erfüllung geben kann.
Und dennoch ist nichts davon verkehrt, es spiegelt lediglich die unendliche Vielfalt des Lebens wieder. Aber wir erkennen, dass es nicht mehr den Weg zurück gibt. Wir können das Vorankommen auf der Rundreise unseres Erwachensprozesses nicht verhindern, wir können es lediglich verlangsamen, v.a. durch unsere Lebensweise. Und wir werden zunehmend erkennen, dass dies nicht wirklich eine gute Art ist, präsent zu sein.
Die tantrischen Lehren spiegeln diese einfache Erkenntnis auf vielfältige Weise immer wieder, so auch innerhalb der nondualen Anrufung:
"…Sañcāraḥ padayoḥ pradakṣiṇa-vidhiḥ stotrāṇi sarvā giraḥ
Yad-yat karma karomi tat-tad-akhilaṁ śambho tavārādhanam…
...Wo auch immer ich hingehe, mache ich Pradakṣina für dich (d.h., umkreise ich deinen Tempel). Alle meine Worte sind Lobeshymnen an dich. Was auch immer ich tue, ist Ausdruck meiner Verehrung für dich..."
Das umfasst auch allen erdenklichen Unsinn, den wir denken oder tun könnten!
Am Ende strebt alles wieder hin zur Mitte, hin zum ewigen Grund der Bewusstheit selbst, wo es vollständig aufgelöst und zu etwas neuem transformiert wird.



